5 Fragen an... AHK Spanien

5 Fragen an… Dr. Walther von Plettenberg, Geschäftsführer der AHK Spanien

Spanien wurde von den Wirtschaftskrisen der vergangenen Jahre so stark getroffen wie nur wenige andere Länder Europas. Doch seit einiger Zeit geben viele wirtschaftliche Daten auch für die rund 1.800 in Spanien tätigen deutschen Unternehmen wieder Anlass zur Hoffnung. Dr. Walther von Plettenberg, Geschäftsführer der AHK Spanien, über positive Entwicklungen und bestehende Herausforderungen.

Vor wenigen Jahren steckte Spanien noch in einer tiefen Krise. Doch seit 2014 wächst die Wirtschaft des Landes wieder, in diesem Jahr um 2,6 Prozent. Wie gelang die Trendwende?

Plettenberg: Hier kam Verschiedenes zusammen. Die im vergangenen Dezember abgewählte konservative Regierung und noch immer amtierende Übergangsregierung würde auf die wichtigen und damals überfälligen Reformen insbesondere im Arbeitsmarkt hinweisen, die Spanien deutlich wettbewerbsfähiger gemacht haben. Sicher kamen noch andere externe Faktoren dazu: eine gute wirtschaftliche Entwicklung in den internationalen Zielmärkten, auch in Deutschland, niedrige Zin-sen und ein gesunkener Ölpreis. Deshalb bewerten unserer Umfrage aus dem April 2016 zufolge mittlerweile wieder mehr als 90 Prozent der deutschen Unternehmen ihre Geschäftslage in Spanien als „gut“ oder „zufriedenstellend“.

Gerade die starken deutschen Exportsektoren Kraftfahrzeuge, Maschinen und Chemieprodukte wachsen überproportional. Woran liegt das?

Plettenberg: Das Stichwort ist zunächst einmal „Nachholbedarf“. Angesichts des über die Jahre der Krise entstandenen Investitionsstaus in der Industrie und der Überalterung des privaten Fuhrparks waren Deutschlands Maschinenbau- und Automobilindustrie hier Gewinner. Die hervorragende Entwicklung spanischer Exporte brachte auch für Sektoren, die für ihre Wertschöpfung auf Chemikalien angewiesen sind, wie zum Beispiel die Pharmaindustrie, eine zunehmende Nachfra-ge und damit höhere Importe aus Deutschland. Insgesamt führten die positiven Entwicklungen im spanischen Markt dazu, dass die deutschen Exporte im vergangenen Jahr um mehr als 11 Prozent zulegten.

Bei den Arbeitslosenzahlen gibt es ebenfalls leichte Verbesserungen. Was wurde erreicht und was muss noch geschehen?

Plettenberg: Über die letzten drei Jahre hat sich die Arbeitslosigkeit von noch über 26 Prozent im Jahr 2013 deutlich reduziert. Ende 2016 dürfte die Arbeitslosenquote knapp über 20 Prozent liegen. Man muss bedenken, dass es eine nur schwer abbaubare strukturelle Arbeitslosigkeit gibt, die auch in den Boomperioden noch knapp unter 10 Prozent lag. Für einen weiteren Abbau der Arbeitslosigkeit wird man insbesondere im Erziehungssystem ansetzen müssen. Auch müssen gewisse Sozialleistungen überprüft werden, weil sie sich auf die berufliche Mobilität auswirken könnten.

In welchen Bereichen besteht trotz der positiven Tendenzen noch der größte Handlungsbedarf?

Plettenberg: Zum einen in der Ausbildung und Qualifizierung von Fachkräften zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und der Innovationskraft. Zum anderen ist politisch dringend eine größere Stabilität gefragt, sowohl, was die Politik auf Ebene der spanischen Regionen angeht - Separatismustendenzen in Katalonien und Baskenland - wie auch auf Ebene des Zentralstaats. Wir brauchen baldmöglichst auch hier wieder stabile Verhältnisse. Zudem muss es dem spanischen Staat gelingen, seine Finanzen in den Griff zu bekommen.

Wie können deutsche Unternehmen von Ihrer Dienstleistungsinitiative für Start-ups profitieren?

Plettenberg: Wir werden gerne als „Scout“ vor Ort für deutsche Mittelständler und Großunternehmen tätig, die Innovation auch jenseits der Landesgrenzen zukaufen wollen. Dafür muss man nicht unbedingt nach Berlin, Tel Aviv oder ins Silicon Valley gehen. Unser jüngst vergebener Start-up Preis hat deutlich gezeigt, dass Spanien hochinteressante Jungunternehmen im technologisch-wissenschaftlichen Umfeld aufzuweisen hat, die für deutsche Unternehmen interessante Partner sein können. Die AHK Spanien als erfahrener Akteur mit lokaler Expertise hilft deutschen Unternehmen dabei, den richtigen Partner mit dem größten Potenzial zu finden.

+Beenden Sie bitte den folgenden Satz: „Spanien ist ein attraktiver Investitions- und Exportmarkt, weil ...“

Plettenberg: … Spanien mit einem Markt von knapp 47 Millionen Einwohnern, einem mehr als soliden Wachstum und als Sprungbrett für Portugal, Lateinamerika und (Nord-)afrika für Exporteure und Investoren gleichermaßen große Chancen bietet.

Zur Person

AHK Spanien

Dr. Walther von Plettenberg, seit 2010 Geschäftsführer der AHK Spanien, ist gelernter Bankkaufmann und promovierte nach seinem Jura- und BWL-Studium in Rechtsgeschichte. Bei der AHK Spanien leitete er ab 1996 den Bereich Recht und übernahm später zusätzlich die stellvertretende Geschäftsführung. Zuvor war er für den TÜV Rheinland tätig.

Zur AHK Spanien

  • Gründungsjahr: 1917
  • Standorte: Madrid, Barcelona
  • Kontakt: Dr. Walther von Plettenberg
  • E-Mail: madrid(at)ahk.es 
  • Telefon: +34(0)91 353 0923

Spanien: wirtschaftlicher Aufwärtstrend

Über Spanien

  • BIP pro Kopf, in EUR, 2016*: 24.150
  • Wirtschaftswachstum, 2016 in %, real*: 2,6
  • Beziehungen zu Deutschland 2015 (Veränderung ggü. 2014)*:
    Dt. Einfuhren, in Mio. EUR: 26.486,6 (+ 6,8 %)
    Dt. Ausfuhren, in Mio. EUR: 38.781,2 (+ 11,4 %)   
  • Ease of Doing Business 2016: 33 von 189 Ländern

    Quellen: GTAI 2015, Destatis 
    * Prognose