5 Fragen an... Delegation der Deutschen Wirtschaft in Nigeria

5 Fragen an… Dr. Marc Lucassen, Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Nigeria

Nigeria ist nach Südafrika die zweitgrößte Volkswirtschaft Afrikas. Das Land blickt auf ein rasantes Wachstum zurück, ist langfristig nach wie vor einer der Zukunftsmärkte der Weltwirtschaft und konnte auch politisch Fortschritte erzielen. Aktuell befindet es sich jedoch in einer schwierigen wirtschaftlichen Phase. Dr. Marc Lucassen, Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Nigeria, über die Gründe für die wirtschaftlichen Probleme und das weiterhin bestehende große Potenzial des Landes.

Nach hohen einstelligen Wachstumszahlen hat der IWF jüngst seine Wirtschaftsprognosen für Nigeria abgesenkt. Warum war dies notwendig?

Lucassen: Der Ölpreisverfall in Kombination mit einer deutlichen Verringerung der Fördermenge durch Verteilungskonflikte im ölreichen Nigerdelta haben die Staatseinnahmen aus dem Rohölverkauf einbrechen lassen und zu einer akuten Devisenknappheit geführt. Im Moment werden dadurch die wirtschaftlichen Aktivitäten behindert und das Wirtschaftswachstum deutlich gebremst. In Folge dessen ist die nach wie vor öl- und importabhängige nigerianische Wirtschaft zum ersten Mal seit vielen Jahren in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen geschrumpft. Eine konjunkturelle Erholung wird jedoch bereits für 2017 prognostiziert.

Was unternimmt das Land, um auf den Wachstumspfad zurückzukehren?

Lucassen: Die Maßnahmen der Regierung sind sehr vielfältig. Nach dem friedlichen demokratischen Regierungswechsel 2015 wurden insbesondere die Themen Korruptions- und Terrorismusbekämpfung vorrangig behandelt. Dabei zeichnen sich erste Erfolge ab. Zudem wurden Subventionen abgebaut und die Währung abgewertet. Darüber hinaus hat die Regierung unter Präsident Buhari eine wirtschaftliche Diversifizierungsstrategie ausgerufen, die den inländischen Wertschöpfungsanteil schrittweise erhöhen soll. Um die Öl- und Importabhängigkeit des Landes nachhaltig zu verringern, will sich die nigerianische Regierung zukünftig insbesondere auf Investitionen in den Branchen Infrastruktur, Industrie, Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung sowie Bergbau und digitale Wirtschaft konzentrieren.

Wo sehen Sie in den deutsch-nigerianischen Handelsbeziehungen aus der Sicht deutscher Unternehmen Potenziale?

Lucassen: Für die deutsche Wirtschaft bestehen in Nigeria erhebliche Geschäftspotenziale. Das technologische Know-how gerade in den bereits genannten Schwerpunktbranchen, die langjährige Erfahrung vieler Unternehmen vor Ort und das in Nigeria überaus positiv besetzte Gütesiegel ‚Made in Germany’ machen uns zum idealen Partner für die Umsetzung der Diversifizierungsanstrengungen der Regierung. Für die wichtige Rolle Deutschlands spricht unter anderem der Besuch des nigerianischen Präsidenten in Berlin, bei dem auch Investitionsanreize wie Steuer- und Visaerleichterungen zugesichert wurden. Kurzum: Auch wenn das Land kein einfacher Markt ist, so bieten sich hier derart umfangreiche wirtschaftliche Potenziale für deutsche Firmen, dass diese aus unternehmerischer Sicht nicht ignoriert werden können.

Wo besteht aus wirtschaftlicher Sicht der größte Handlungsbedarf in Nigeria?

Lucassen: Zum einen gibt es Handelshemmnisse mit kurz- bis mittelfristigem Zeithorizont, die sich aus dem Devisenmangel und den eingeführten Importbeschränkungen ergeben. Hier besteht dringender politischer Handlungsbedarf. Zum anderen leidet Nigeria seit vielen Jahren unter diversen Strukturschwächen, die nur schrittweise abgebaut werden können. Doch hier besteht der klare politische Wille für Besserung zu sorgen.

Was ist aus Ihrer Sicht ein wichtiges Zukunftsthema für die Delegation der Deutschen Wirtschaft in Nigeria?

Lucassen: Zukünftig planen wir neben den klassischen Dienstleistungen zum Markteintritt und unseren bisherigen Schwerpunktthemen Erneuerbare Energien und Duale Berufsausbildung das Thema Digitalisierung und Startups als drittes Schwerpunktthema aktiv zu besetzen. Damit wollen wir auf die äußerst lebendige Gründerszene der 20-Millionen-Metropole Lagos reagieren und einen für viele möglicherweise ungewohnten Blick auf den nigerianischen Markt eröffnen.

+Beenden Sie bitte den folgenden Satz: „Nigeria ist ein attraktiver Investitions- und Exportmarkt, weil ...“

Lucassen: ... das „Powerhouse Afrikas“ (Außenminister Steinmeier) mit seinen 180 Millionen Einwohnern und seinem Zugang zum westafrikanischen Wirtschaftsraum ein riesiges Marktpotenzial bietet, das aufgrund der Währungsabwertung und den dadurch gesunkenen Faktorkosten vor Kurzem noch einmal gestiegen ist.

Nigeria: Stärken und Schwächen des Investitionsstandort